Es gibt schon einige interessante Phänomene in diesem Internet, die den altmodischen Parteien zeigen, was so alles möglich ist und wie das Internet eigentlich funktioniert.

Es begann vor ein paar Tagen, so um den 11. September herum. Es wurde ein Foto von einem beschmierten CDU-Wahlplakat ins Internet gestellt. Dort stand: „Die Kanzlerin kommt“ und jemand hat mit Edding dazu geschrieben. ‚und alle so: „Yeaahh“’. Wer, warum, wann und was er damit genau aussagen wollte ist unbekannt. Dieses Bild wurde dann weiterverbreitet über Twitter, Flickr, Blogs usw. Irgendwie fanden die Leute es aus unterschiedlichen Gründen witzig und ich musste auch schmunzeln, als ich es zum ersten Mal sah.

Jeder hat wohl seine eigene Begründung, warum er gerade diese Schmiererei lustig findet. Ich stellte mir so einen Möchtegern-Rapper in Baggy-Clothes vor, mit entsprechendem dümmlichem Akzent, ohne großes Interesse an der Politik oder irgendwas, der einfach nur genervt war über den riesigen Tamtam, welcher mit einem Kanzlerin-Besuch einhergeht. Dieser Edding-Künstler hatte nun vielleicht unbeabsichtigt mit seinem inhaltslosen Gekritzel genau das zum Ausdruck gebracht, was viele Politik-Experten so wortreich im Fernsehen erklären und kompliziert analysieren. Der Wahlkampf ist langweilig und inhaltslos. Die Politiker führen keinen Dialog, sondern preschen nur Phrasen von ihrer Bühne, vor der überwiegend Anhänger stehen und alles gut finden, was von dort oben gesagt wird. Ich musste dann spontan an eine Szene aus „Das Leben des Brian“ denken. Deshalb fand ich es witzig. Aber jeder hatte wohl sein eigenes Bild im Kopf.

Soweit – so gut, ein lustiges Bildchen. Aber im Internet diskutiert man darüber. Entwickelt Ideen um dieses Verbreitungsphänomen herum. Es wird kopiert, verändert, remixed. So waren ein paar Tage danach T-Shirts mit dem original Schriftzug im Internet zu kaufen. Jemand hatte ihn aus dem Foto kopiert, bearbeitet und auf ein T-Shirt drucken lassen. Dann gab es eine eBay-Auktion, wo angeblich das Original-Plakat für einen angeblich guten Zweck versteigert wurde. Und es gab die Idee bei so einem Kanzlerinnen-Auftritt seinen Protest auszudrücken, in dem man nach jedem Satz der Kanzlerin laut „Yeaahh“ ruft. Auch dies lässt sich kurzfristig über das Internet organisieren. Es nennt sich Flashmob. Einer hat die Idee, startet einen Aufruf und die unterschiedlichsten Leute mit unterschiedlichen Beweggründen nehmen teil – ohne sich untereinander zu kennen. Einige schwenken Piratenflaggen, andere sind einfach nur so zum Spaß dort. So kommt man in die Tagesthemen und bekommt dort sogar noch einen anschließenden Kommentar. Vielleicht macht sich jetzt auch jemand außerhalb des Internets seine Gedanken oder findet es einfach nur lustig.

Das Ganze entstand aus dem Chaos heraus. Es gab nicht nur die eine Plattform oder die eine Website die es hervorgebracht hat. Es gab keine urheberrechtlichen Einschränkungen. Man kann das Internet und seine Benutzer halt nicht steuern. Und wenn man versucht die Benutzer einzuschränken und ihnen dies oder das zu verbieten, dann sind solche Sachen und auch die vielen anderen, vielleicht sinnvolleren, Sachen, die so entstehen, nicht mehr möglich.

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