Was ist denn so schlimm? [Update]

[Update 13.04.2011: Rechtsanwalt Udo Vetter beschreibt in seinem Blog ein weiteres mögliches Szenario.]

Unser neuer Innenminister, der Herr Friedrich, will mehr Überwachung und die Vorratsdatenspeicherung schnell wieder “einschalten”. Im Freundes- und Bekanntenkreis kam das Thema kürzlich auch zur Sprache und ich war überrascht, wie wenig technisches doch darüber bekannt ist. Ich habe mal die Fragen aus  unterschiedlichen Gesprächen zu einem fiktiven, hoffentlich erklärenden Dialog zusammengefasst.

Fünf Leute sitzen gemütlich zusammen und trinken ein Bier:

“Mit diesem Android-Smartphone können die  ja genau nachschauen, wo du überall warst. Ich will so ein Ding dann nicht haben!”

“Das geht auch mit jedem einfachen Handy von anno dazumal. Immer, wenn du telefonierst oder eine SMS schreibst oder bekommst, wird festgehalten, mit wem du Kontakt hattest und wo du zu der Zeit gerade warst. Bei den Smartphones fallen nur mehr Daten an, weil die ja fast ständig eine mobile Internetverbindung haben.”

“Ja, aber die sehen dann doch nur so ungefähr wo ich war, also den Standort des Funkmastes, worüber ich telefoniert habe.”

“Bei einer dichten Abdeckung, z.B. in Ballungsgebieten oder in großen Einkaufszentren, ist das aber schon ziemlich genau. Um der Trend geht ja hin zu mehr Funkzellen. Von Makro-Funkzellen mit einer Reichweite von 2-50km, über Micro-Funkzellen zu Pico-Funkzellen mit einer Reichweiten von unter 100m.  Nano- und Femtozellen gibt es aber auch schon. Die Technik schreitet voran…”

“Wir sind doch jetzt hier aber nicht in einem Ballungsgebiet. Da kommen doch Tausende auf eine Funkzelle. In der Masse geht doch der einzelne unter.”

“Erst einmal muss man nicht zwangsläufig in einer Makro-Funkzelle hängen, wenn man auf dem Dorfe ist. Um Funklöcher zu vermeiden, die Strahlenbelastung zu senken oder hohe Aufbauten zu vermeiden bieten sich auch in ländlichen Gebieten Mikrozellen an.”

“Die Tatsache, dass wir hier alle in einer Funkzelle eingeloggt sind, sagt doch nicht aus, dass wir fünf uns auch getroffen haben.”

“Es geht ja nicht um einzelne Daten, sondern um Profile. Wenn, wer auch immer Zugriff auf VDS hat, wissen möchte, aus welchen Gründen auch immer, mit wem ich mich wann und wo getroffen habe, hat er ja sechs Monate an Daten, die er auswerten kann. Ich habe euch doch allen eine Einladung per E-Mail geschrieben. Und jetzt seit ihr mit mir zusammen in der gleichen Funkzelle. Das fällt dann schon auf.”

“Ich habe aber gar nicht telefoniert.”

“Du hast aber gerade eine SMS bekommen. Da die mobile Kommunikation zunimmt, z.B. durch den berühmten Kühlschrank, der eine SMS sendet, wenn die Milch alle ist oder die zunehmende Verbreitung von Smartphones mit den entsprechenden Apps, wird die Überwachung per VDS immer lückenloser. Was ist wohl in drei Jahren?”

“Ich habe gar kein Handy.”

“Noch nicht. Außerdem treffen wir uns ja gerade hier bei dir. Du gehörst zu den fünf per Mail Eingeladenen und wir anderen sind alle in deiner Funkzelle. Wo werden wir wohl jetzt sein und wo wirst du wohl jetzt sein? Außerdem werden ja auch Festnetzdaten gespeichert. Wenn du zum Beispiel von zu Hause deine Frau auf dem Handy anrufst, wirst du wohl gerade zu Hause sein.”

“Oder es war mein Sohnemann.”

“Wird anhand der Kommunikationsprofile bei euch im Haus vielleicht als unwahrscheinlich eingestuft.”

“Was für ein Kommunikationsprofil?”

“Wochentag, Uhrzeit, Gesprächsdauer, Wählversuche, Kommunikationsart. Junge Leute schreiben mehr SMS. Kinder verwählen sich oft. Frauen quatschen länger. Und so weiter. Außerdem können die VDS-Daten ja mit weiteren Daten verknüpft werden. Ich schreibe vielleicht nach dem Treffen etwas in meinem Blog über Guttenberg. Dann haben wir uns vielleicht über dieses Thema hier auch unterhalten.”

“Da brauchen die aber viele Leute, wenn die das alles nachschauen und Profile erstellen wollen.”

“Deshalb gibt es ja Software dafür und die entscheidet nach bestimmten vorgegebenen Kriterien und Wahrscheinlichkeiten. Die Automatisierung stellt ja auch eine Gefahr da. Man denke an das Profiling der Wirtschaftsauskunfteien. Wohnst du da im falschen Stadtviertel bekommt du keinen Mobilfunkvertrag und solche Dinge.”

“Wir haben aber doch nichts zu verbergen. Kann doch nicht sein, dass wir da versehentlich in irgendeinen Fokus geraten.”

“Ist aber schon passiert auch ohne VDS. Je mehr Daten vorhanden sind, desto mehr Verknüpfungen sind theoretisch möglich. Deine Frau war doch mit ihrem Netbook und meinem UMTS-Stick in der Kur. Vielleicht läuft ja in vier Wochen einer von den Angestellten dort Amok und das VDS-Programm spuckt mich als Verbindungsmann aus, weil der Stick auf meinem Namen läuft, ich also anscheinend dort war und mit dem Kontakt gehabt haben könnte,in meinem Blog steht, dass ich in Indonesien geheiratet habe, Counter Strike spiele und das Mindener Freischießen so toll finde. Kann ja sein, dass das Programm das verdächtig findet.”

“Ist aber doch weit hergeholt.”

“Dann war ich halt zufällig mit einem Drogendealer in der gleichen Funkzelle, als der Drogen verkauft hat und ich habe kurz vorher auf dem Weg dorthin 100,- Euro am Geldautomaten abgehoben.”

“Na ja.”

Dann erstellt halt irgendein krimineller Mitarbeiter aus den VDS-Daten Profile, kopiert die auf DVD und verkauft die an Geschäfte, die dich dann mit personalisierten SPAM-Mails und Telefonverkauf nerven.”

“Das wäre in der Tat ein Skandal!”

“???”

 

Auf dem Weg zum Überwachungsstaat – die ersten Opfer

Vorratsdatenspeicherung nicht so schlimm? KFZ-Zeichen-Scanner unbedenklich? RFID-Chip im Reisepass harmlos? Einlader-Datenbank nur für Visa-Betrüger? Bundestrojaner wird nur bei Terror-Verdacht eingesetzt? Passagierlisten 10 Jahre oder mehr speichern? Maut-System nur zur Gebührenerfassung?

Die einzelnen Begründungen der Maßnahmen scheinen einleuchtend. Die Gefahren werden heruntergespielt. Werden diese Dinge jetzt und in Zukunft wirklich nicht zweckentfremdet und untereinander und mit noch kommenden Systemen vernetzt?

In good old GB wurde jetzt anscheinend ein Anti-Terror-Gesetz missbraucht oder zumindest stark ausgedehnt, jedenfalls im Auge des Betrachters. Dort gibt es ein Gesetz, dass die Herausgabe von Passwörtern vorschreibt z.B. für verschlüsselte Festplatten und Dateien. Es wurde auch eingeführt mit der Begründung “Nur gegen Terroristen” bzw. bei schweren Verbrechen. Jetzt hat es aber nicht Terroristen erwischt, sondern Tierschutzaktivisten. Die Betroffenen wurden natürlich aufgefordert darüber Stillschweigen zu bewahren. Dafür hat man wohl auch gleich ein Gesetz gemacht.

Also: Sind die Maßnahmen, Daten und Gesetze erst mal vorhanden, dann werden sie auch benutzt. Wofür, dass weiß man nicht. Wer kontrolliert das auch? Beispiel Maut-System. Wie war das noch? Wird nur zu Abrechnung eingeführt und benutzt? Und als dann dieser Brummi-Killer gesucht wurde? Da sollten dann erstmal alle Fernfahrer unter Generalverdacht gestellt werden und dann wurde laut gefordert das “Gebührenerfassungsystem” zum Fahndungsinstrument zu machen.

Wenn sich die Bürger irgendwann mal über die Kontrollmöglichkeiten im Klaren sind, dann werden sie ihr Verhalten ändern und sich immer fragen müssen: “Wenn ich mich so verhalte, so kommuniziere, so konsumiere, so reise, so publiziere, mache ich mich dann verdächtig?” Und das ist eine Einschränkung der Freiheit auch für unbescholtene Bürger.

Aber man muss nicht mal die Verschwörungstheorien bemühen. Es kann auch ganz einfach Pannen geben, wodurch die gesammelten Daten in falsche Hände gelangen. Wie kürzlich auch wieder in GB, wo einfach zwei poplige CDs verloren wurden – mit persönlichen Daten von 25 Millionen Briten. Tja, 700MB an Bildern von der 10Mbit-Digital-Kamera ist vielleicht nicht viel. 700MB Textdaten aber schon und das mal zwei. Da können die Bürger ja froh sein, dass die Behörde noch nicht auf DVD umgestellt hatte.

Noch mehr Big Brother

Neben der Vorratsdatenspeicherung möchte Big Brother auch gerne PCs heimlich online durchsuchen. Erst mal hat der Bundesgerichtshof einen Riegel vorgeschoben. Aber eine Gesetzesänderung wurde von unserem Innenminister schon vorgeschlagen.

Wie soll das gehen mit dieser Online-Durchsuchung? Am wahrscheinlichsten wohl durch einen Trojaner, dem so genannten Bundestrojaner. Das heißt die Ermittlungsbehören installieren heimlich einen Virus auf dem PC eines in Verdacht geratenen. Virenscannern soll es verboten werden den Bundestrojaner zu melden oder zu löschen.

In Verbindung mit der Vorratsdatenspeicherung könnte dann ein (überspitztes) Szenario so aussehen:

Sie haben eine Spam-Mail mit dem Wort „Bombe“ darin erhalten. Der Spam-Absender gerät unter Verdacht und unter Beobachtung der Behörden. Sie als Empfänger damit erst mal auch und bekommen den Trojaner installiert. Zum Beispiel getarnt in einer offiziellen Mail irgendeiner Behörde. Die Ermittlungsbehörden haben dann Zugriff auf ihren PC und alle Daten solange der PC mit dem Internet verbunden ist. Soweit so gut. Man hat ja nichts zu verbergen. Vielleicht haben dann noch andere Behörden Interesse an ihren Daten. Zum Beispiel das Finanzamt. Oder Hacker haben die Funktionsweise des Bundestrojaners herausgefunden und nutzen diesen dann für ihre eigenen, illegalen Zwecke. Zum Beispiel um ihr Homebanking zu manipulieren. Das wäre dann schon dumm, oder?

Ich könnte mir aber die Sache auch gut ohne Trojaner vorstellen. Warum nicht gleich Microsoft per Gesetz dazu zwingen so eine Funktionalität ins Betriebsystem zu integrieren? Verschwörungs-Theoretiker meinen ja, dass so etwas schon eingebaut ist – in Windows Vista erst recht. Dann noch das Deaktivieren dieses Features unter Strafe stellen. Was dann auch für alle Softwarehersteller von Sicherheitssoftware gilt.

Tatsächlich ist so etwas ähnliches schon eingebaut, auch in Windows XP. Einfach mal die Windows-Hilfe im Start-Menü aufrufen und nach „Remote Desktop“ suchen.

Auch dieses „unter Strafe stellen“ und das Verbieten von Software, die das von Big Brother gewollte verhindert, gibt es schon. Im Entwurf der Vorratsdatenspeicherung ist so etwas schon drin. Dort soll dann nämlich Anonymisierungs-Software verboten werden. Auch ist heute schon das Kopieren von kopiergeschützten CD verboten und passend dazu der Verkauf/Besitz von Software die das trotzdem möglich macht. (Private Kopien dürfen sie also machen, sie dürfen es halt nur nicht.) Kauf von Musik hat nichts mit Big Brother zu tun? Wenn sie online DRM-geschützte Musik kaufen, weil Sie die von der geschützten CD ja nicht in ihren iPod & Co. bekommen, haben Sie mit dem DRM ein Big-Brother-Produkt der Musikindustrie gekauft. Theoretisch kann die nämlich durch die Produktbindung an eine spezielle Software (iTunes & Co.) feststellen, wie lange, wie oft und welche Musik sie abspielen und wie oft sie (versucht haben) diese zu kopieren und wohin. Theoretisch.

Bald ist 1984: Wer, wann, wo und mit wem!

Big Brother plant die Vorratsdatenspeicherung. Jetzt.

Was ist das? Die totale Protokollierung wer mit wem wann telefoniert, wer wem wann eine E-Mail geschrieben hat, wer wem wann eine SMS geschrieben hat, wer wo gerade war, als er sein Handy benutzt hat, wer wann im Internet war. Science Fiction? Nein, geplant für Mitte 2007. Entgegenwirken dann genauso verboten, wie Vermummung bei Straßendemos.

Beim letzten Vatertag zogen wir zur Fahrradtour los. Ich schoss ein unscharfes Handy-Foto und stellte es später in einen geschützten Bereich meiner privaten Homepage. Kurz darauf bat mich einer der Tourteilnehmer doch bitte das Foto zu entfernen, wo er mit abgelichtet war. (Recht am eigenen Bild). „Ohne Kennwort sieht keiner das Bild und außerdem ist es ein ganz unspektakuläres Gruppenfoto“, meinte ich. Aber trotzdem. Kann ja mal was schief gehen. Wenn das erst mal im Internet drin ist. Hat er auch Recht. Habe das Foto dann entfernt. Aus welchem Grund auch immer. Könnten ja zum Beispiel Geschäftspartner oder Bekannte einen aufziehen, weil man an einer vermeintlichen „Sauftour“ teilgenommen hat oder so.

Viele haben den Orwell im Kopf. Merkwürdig, dass sich bei so viel Angst verhältnismäßig wenig Bürger über die geplante Vorratsdatenspeicherung beschweren. Die Daten sollen natürlich auch nicht jedem zugänglich sein. Aber man weiß ja nie. ColdCalls sind ja auch verboten und keiner hält sich dran.
Mehr Infos hier: http://www.vorratsdatenspeicherung.de/

Der myKad-Song

Aus Science-Fiction-Filmen wie „Das fünfte Element“ bekannt. Viele Firmen und Behörden entwickeln und diskutieren darüber: Der „Multi-Pass“ – eine Karte für alles. Personalausweis, Reisedokument, Führerschein, Krankenversicherungskarte, Electronic-Cash, Parkausweis, Busfahrkarte usw. Hierzulande scheitert so etwas  natürlich an den Datenschutzbestimmungen. Wir diskutieren ja noch, was alles auf der neuen Kartenversicherungskarte gespeichert werden darf. In Malaysia gibt es den Multi-Pass schon seit 2001. Er heißt dort MyKad.

Um den Bürgen zu helfen die Datenschutz-Bedenken zu vergessen wurde auch ein Song geschrieben. Ob das in Deutschland wohl auch funktioniert? In diesem Zusammenhang gesehen finde ich den Song zumindest recht amüsant.

Zu hören unter:
http://www.jpn.gov.my/kppk1/Index2.htm