Vorsicht vor seltsamen Menschen

“Wenn wir in der Nachbarschaft irgendetwas wahrnehmen, dass da plötzlich drei etwas seltsam aussehende Menschen eingezogen sind, die sich nie blicken lassen oder ähnlich, und die nur Arabisch oder eine Fremdsprache sprechen, die wir nicht verstehen, dann sollte man glaube ich schon mal gucken, dass man die Behörden unterrichtet, was da los ist.”

Berlins Innensenator Erhart Körting (SPD)

Na toll. Das ist ja wirklich mal ein hilfreicher Aufruf. Diese seltsamen Menschen könnten dann so aussehen wie Fritz Gelowicz, den mutmaßlichen Anführer der Sauerland-Gruppe - hier zu sehen. Oder wie Daniel Schneider - hier zu sehen zwar mit Bart und Käppi, aber vorher sah er – so aus, also ohne Bart und mit langen Haaren. Sicherlich hat er vor seiner Verhaftung auch mit langen Haaren und ohne Bart so sympathisch lächeln können, wie auf dem ersten Foto. Beide sprechen natürlich perfekt Deutsch, sind ja in Deutschland aufgewachsen. Selbst Mohammed Atta, also einer der Piloten vom 11. September, guckte wohl meistens nicht so seltsam, wie auf den bekannten Fotos – auch er konnte freundlich lächeln. 1992-99 studierte er fleißig Städtebau in Hamburg  und sprach perfekt Deutsch.

Ich nehme mal an, dass die gefährlichen Terroristen deshalb so gefährlich sind, weil sie gerade nicht auffallen. Die Verbindung “seltsam aussehen” und “arabisch bzw. fremd sprechen” erzeugt schon ein ganz bestimmtes Bild in den Köpfen der Menschen. Panik verbreiten, Fremdenangst schüren. Warum?

In diesem Zusammenhang auch lesenswert:

Nun ich also auch

Beim letzten Stammtisch lag eine Spiegelausgabe vom August auf dem Tisch und als ich dazu kam, wurde schon fleißig diskutiert. Es ging um diesen Sarrazin-Artikel. Also habe ich mir diesen Artikel heute mal durchgelesen, obwohl das Thema ja eigentlich schon durch ist.

Erst einmal fängt er an Angst aufzubauen bzw. zu verstärken – die Angst vor Überfremdung:

Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird.

Er untermauert diese Zukunftsvision mit einer “absolut realistischen” Berechnung:

Bleibt die Fertilitätsrate der deutschen autochthonen Bevölkerung dort, wo sie seit 40 Jahren liegt, dann wird im Verlauf der nächsten drei bis vier Generationen die Zahl der Deutschen auf 20 Millionen sinken. Im Übrigen ist es absolut realistisch, dass die muslimische Bevölkerung durch eine Kombination von hoher Geburtenrate und fortgesetzter Einwanderung bis 2100 auf 35 Millionen wachsen kann.

Diese Rechnung geht über 90 (!) Jahre und berücksichtigt für diesen Zeitraum nur drei Variablen: geringe Geburtenrate der “Deutschen”, hohe Geburtenrate der Muslime und eine fortgesetzte Einwanderung von Muslimen. Und diese spärlichen drei Sachen bleiben bei seiner Rechnung über 90 Jahre konstant. Das kam mir beim ersten Durchlesen schon sehr abstrus vor. Die Geburtenrate der Deutschen  könnte ja in diesem Zeitraum auch wieder steigen. Genauso könnte die Geburtenrate der Muslime in Deutschland sinken. Das tut sie auch schon. Auch müssten die Muslime weiterhin hierhin einwandern. Wie viel muslimische Einwanderung ist überhaupt für seine Rechnung nötig? Von den, von ihm immer gerne erwähnten, Türken zum Beispiel wanderten 2008 etwas mehr aus Deutschland aus als ein. Darüber hinaus gibt es ja noch mehr Faktoren, die eine Population wachsen oder sinken lässt.

Wenn man den Artikel genauer durchliest, findet man haufenweise Böcke darin. Ich beschreibe mal nur die Dinge, die mir beim ersten Durchlesen aufgestoßen sind und weshalb ich eigentlich schon ohne genaueres Hinsehen den Artikel beiseite gelegt hätte.

Sarrazin zitiert den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan:

Erdogan beginnt: “Die türkische Gemeinschaft und der türkische Mensch, wohin sie auch immer gehen mögen, bringen nur Liebe, Freundschaft, Ruhe und Geborgenheit mit sich. Hass und Feindschaft können niemals unsere Sache sein.” Das heißt im Umkehrschluss: Hass und Feindschaft sind immer nur die Sache der anderen.

Nun habe ich dieses Zitat ganz anders verstanden. Ich habe das aus Aufforderung an die Türken in Deutschland verstanden friedlich zu bleiben. Das das etwas fremdartig klingt und etwas exotisch formuliert ist, ist klar. Da sprach ein türkischer Politiker recht geschwollen und das ist die Übersetzung. Wenn ich mir dann auf den zweiten Blick die ganze Rede herhole und die Umstände betrachte, komme ich zu keinem anderen Ergebnis. 2008 war der Ministerpräsident in Köln und hat zu den in Deutschland lebenden Türken gesprochen. Kurz zuvor gab es einen Großbrand in Ludwigshafen, bei dem Türken verletzt und getötet wurden. Anschuldigungen standen im Raum es könnte ein rassistisch motivierter Anschlag gewesen sein. Gerüchte machten die Runde die Feuerwehr hätte sich nicht genug beeilt, was natürlich Quatsch war. Und so weiter. Erdogan rief an der oben zitierten Stelle, meiner Meinung nach ganz klar, seine Landsleute auf Ruhe zu bewahren. Mein erster Eindruck wurde bestärkt. Sarrazin dreht ihm hier das Wort im Munde um.

Und: Nein, er hat nicht seine Landsleute aufgerufen sich nicht zu integrieren. Kurz umrissen habe ich die Rede so verstanden: Mir ist klar, dass ihr eure Kultur und Sprache an eure Kinder weitergeben wollt und das sollt ihr auch. Sie sollen aber bitte auch Deutsch lernen, um dann später gute Arbeitsplätze zu bekommen und um am politischem Leben in Deutschland teilnehmen zu können.

Was mir weiterhin auffiel ist, dass Sarrazin andauernd Sachen zusammenwürfelt. Hier zum Beispiel redet er erst einmal von Muslimen, dann nennt er Zahlen von EU-Bürgern. (Hervorhebungen von mir).

Relativ zur Erwerbsbevölkerung leben bei den muslimischen Migranten viermal so viel Menschen von Arbeitslosengeld und Hartz IV wie bei der deutschen Bevölkerung. Ganz anders stellt sich die Lage bei den Migranten aus den EU-Staaten dar. Deren Erwerbsquote ist mit 44,2 Prozent sogar noch etwas höher als die der einheimischen Deutschen. Es ist also nicht der Migrationsstatus als solcher, der die ökonomischen Integrationsprobleme verursacht.

Einmal wird also eine Gruppe über die Religion gebildet und bewertet und einmal über die Nationalität. Wie sieht es denn mit der Erwerbsquote bei Muslimen aus, die aus EU-Staaten migriert sind? Auch Erwerbsquoten und Hartz IV Zahlen sind unterschiedliche Dinge. Es gibt ja Personen, die nicht erwerbstätig sind, aber auch kein Hartz IV oder Arbeitslosengeld beziehen. Der Status, Migrant oder nicht, ist nicht der alleinige Grund für eine schlechte Erwerbsquote oder Hartz IV. Der Status, Moslem oder nicht, aber auch nicht. Es wird dem Leser aber suggeriert.

Das sind nur die Ungereimtheiten, die mir sofort ins Auge gefallen sind. Im Netz sind ja dann diverse Faktenchecks zum Thema, wo dann die verschiedenen Aussagen und Zahlen so richtig auseinandergenommen werden.

Einige sagen jetzt: “Ja, aber ein Gutes hat es ja. Jetzt wird endlich über Integration diskutiert.” Leider geht dies aber mit der Islamisierung der Debatte einher, was Politiker und Medien oftmals gerne mitmachen. Das erschwert die Debatte unnötig  und dieses Islam-Bashing bleibt in den Köpfen über die Debatte hinaus erhalten.

“Erst war ich für Euch der Gastarbeiter, dann der Türke, dann der Ausländer, und jetzt der Muslim. Und doch bin ich immer nur ich.”

Zum Thema uneingeschränkt lesenswerte Sachen:

Update 06.01.2011:

Ausländerfeindliches Gepöbel

Und wieder: Meine Frau geht schon recht selten allein vor die Tür, also ohne meine Begleitung. Am Samstag war sie mit einer Freundin spazieren. Und prompt wird wieder gepöbelt. Diesmal in unserer Nachbarschaft, vor dem Finanzamt, aus einem fahrenden Auto heraus. Ein farbiger Mann benutzte zufällig den gleichen Bürgersteig. Grund für einen Mann im Vorbeifahren aus seinem Autofenster Beschimpfungen zu rufen. Und da er an meiner Frau auch vorbeifuhr, hat er gleich weitergepöbelt.

Das ist ja nicht gerade eine schlechte Gegend dort. In den Nebenstraßen wimmelt es von Steuerberatern und Anwälten. Trotzdem verkehrt dort so ein Gesocks. Und meine Frau hatte gut sichtbar ihre Spiegelreflexkamera dabei. Hätte ja auch eine Touristin seinen können. Armes Minden.

Verwandte Artikel:

Ungestörtes Neonazikonzert in Minden

Am 17. März 2007 hat der Bürgermeister noch zum Protest gegen die Neonazis aufgerufen. Zum Jahresende scheinen die Rechten gewonnen zu haben. Sie feierten ihren Jahesausklang am 30. Dezember ungestört in Minden in der Gaststätte “Friedenseiche” mit der Band “Weisse Wölfe”, die bekannt ist für Textzeilen wie “Für unser Fest ist nichts zu teuer – 10.000 xxxxx für ein Freudenfeuer”. (Für das xxxxx könnte ihr eine in der Nazizeit verfolgte Bevölkerungsgruppe einsetzen).

Die Polizei hielt sich zurück, obwohl Polizei und Staatsschutz wohl bescheid wussten. Wo war der Bürgermeister? Wurde er nicht informiert oder hat er noch zu viel mit seinem Rathausproblem zu tun? Armes Minden.

Armes Minden

Stellt euch vor, es ist Weihnachten, ihr freut euch aufs Fest und steht vor eurer Kirche zum Festtagsgottesdienst. Und dann kommt jemand vorbei und beschimpft euch zum Beispiel mit “Nazi-Pack” oder “Juden-Mörder” oder ähnlichen deutschfeindlichen Ausdrücken und verjagt euch von der Kirche. Keine schöne Vorstellung, oder?

So ähnlich ist es aber meiner Frau heute, am Samstag Morgen, passiert. Heute ist nämlich einer der höchsten Feiertage im Islam: Id-Ul-Fitr, das Fastenbrechen am Ende des Fastenmonats Ramadan. Deshalb stand meine Frau heute mit einer Freundin vor der türkischen Moschee in Minden. Genauso wie viele Christen zum Weihnachtsgottesdienst gehen, so wollte meine Frau zum islamischen Festgebet in die Moschee gehen. Als sie mit ihrer Freundin vor der Moschee stand, kam ein blonder, deutscher, junger Erwachsener vorbei und beschimpfte die beiden als “Osmanisches Pack” und “Mörder”. Die Frauen fühlten sich bedroht, verließen die Moschee und gingen zurück zu ihrem Auto.

Der Mann war sicherlich nicht sehr helle in der Birne, aber das sind solche Leute ja selten. Er konnte zum Beispiel Asiaten nicht von Osmanen unterscheiden. Zwei allein auf dem Bürgersteig stehende Frauen anzugreifen lässt ihn auch nicht sehr heldenhaft erscheinen.

Trotzdem stellt sich erneut die Frage: Wo leben wir eigentlich? Das ist ja nicht das erste Mal, dass dies passiert. Es gab schon eine ausländerfeindliche Beleidigung bei uns im Lidl an der Stiftsstraße (durch einen Kunden). Es passiert am hellen Tage, an öffentlichen, durchaus belebten Orten. Die Leute mit braunem Gedankengut im Kopf scheuen sich nicht öffentlich Beleidigungen und Beschimpfungen auszusprechen. Neo-Nazis demonstrieren in Minden und der brave Mindener Bürger bleibt zu Hause statt zur Gegendemo des Bürgermeisters zu gehen. Denn: “Die gehen ja wieder von allein weg, wenn man sie nicht beachtet.”

Der Vorfall heute überschattet natürlich die sonst frohen Festtage. Meine Frau wird sich die nächste Zeit nicht mehr allein auf die Straße trauen. Armes Minden.

Werden die Mindener müde?

Also die Zahl der rechten Demonstranten heute ist auf jeden Fall größer geworden. Bewegte es sich die vorherigen Male zwischen 60 und 70, so wurden heute 175 gezählt. Was konnten die Mindener entgegensetzen? Wieder 1500 Gegendemonstranten? Ich denke dieses Mal waren es nicht mal so viele. Während der Gegendemo wurde von Podium die Zahl 500 genannt. Der erste Bericht auf MT-Online spricht von 900. Dabei wohl auch viele Nicht-Mindener, die extra für die Gegendemo angereist waren. Das ist sicherlich löblich, senkt aber die Zahl rein mindener Gegendemonstranten nochmals.

Geht die Taktik der Braunen langsam auf? Provozieren, bis es allen egal ist und sie dann tun und lassen können was sie wollen?

Viele meinen, man müsste sie einfach nur ignorieren, dann gehen sie schon wieder weg. Ein Redner der Gegendemo meinte dazu, dass diese Taktik nicht funktioniert und wir ja schon wissen wohin dies geführt hat. Ein anderer Redner erzählte als Metapher eine Kindheitserinnerung wo seine Mutter ihm riet vor den beängstigenden Schatten an der Wand die Augen zu schließen – die Schatten aber viel größer waren, als er die Augen wieder öffnete. „Aktiv ignorieren“ war das Motto der Gegendemo wohl auch deshalb heute. Ganz hat das nicht geklappt.

Die „bürgerliche“ Demo startete an der Marienkirche, zog dann zum Zentrallager, wo weitere Kundgebungen stattfanden. Dies verlief friedlich und ohne Zwischenfälle, fast langweilig. Also da kann man ruhig mitlaufen. Hätte auch eine Jack-Wolfskin Werbeveranstaltung seien können, denn ich hatte den Eindruck jeder dritte hatte so eine Jacke an (ich auch :-) ).

Wer mehr Aktion brauchte, musste sich zu den jugendlichen Antifaschisten ans Wesertor stellen. Einer von ihnen redete auch am Zentrallager vom Podium, zählte Grabschändungen und die Vorstrafen von Mitgliedern der Rechten auf. Statt der symbolischen Straßensäuberung nach der Neonazi-Demo rief er zum „Nazis von der Straße fegen auf“. Schließlich haben wir 60 Jahre lang hinter den Nazis her geräumt, meinte er.

Nach der Rede von Bürgermeister Buhre, wo er noch mal zu gewaltfreien Gegendemo aufrief, ging ich mal kurz zum Wesertor, wo die Neonazis auf der Weserbrücke angekommen waren. Auf der Weserbrücke also die Neonazis und am Wesertor die Antifa und andere Gruppen. Dazwischen eine Polizeiabsperrung. Hier war vom aktiven Ignorieren nichts zu spüren. Hier wurden von beiden Seiten Parolen über die Straße gerufen. Zum Beispiel „Haut ab, haut ab, ich muss meinen Rausch ausschlafen.“ ?-) Da habe ich dann auch keine Fotos gemacht, weil einige sich mit Schals, Kapuzen und Sonnenbrillen vermummt hatten. Die wollten wohl nicht abgelichtet werden, auch nicht auf einem Massenfoto.

Mein Kommentar:

Viele wollen die Neonazis nicht hier in Minden, gehen aber nicht zu den Gegendemos. Das nenne ich „Aktiv Ignorieren“.

Menschen, die vielleicht keine aktiven Neonazis sind, aber doch einige ihrer Parolen verinnerlicht haben, werden durch das mangelnde Interesse der Bürger ermutigt zu undemokratischem und unsozialem Verhalten. So zum Beispiel erst kürzlich meiner Frau widerfahren im Supermarkt, als jemand etwas ausländerfeindliches zu ihr gesagt hat. Warum traut der sich so etwas wohl an so einem Ort?

Klar kosten die Demos eine Menge Steuergeld. Aber die Behörden haben trotz Kritik die Neonazi-Demo genehmigt. Und wenn die Sache schon mal beschlossen ist, kann man auch hingehen, also zur Gegendemo natürlich. Es wird nicht billiger, wenn man weg bleibt. Die Polizei hatte da heute auch noch ein paar Stehplätze frei gehalten. Der Protest sollte nicht nur von überaktiven, jugendlichen Antifa-Gruppen ausgehen, sondern von der breiten Masse der Bürger.

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