Beim letzten Stammtisch lag eine Spiegelausgabe vom August auf dem Tisch und als ich dazu kam, wurde schon fleißig diskutiert. Es ging um diesen Sarrazin-Artikel. Also habe ich mir diesen Artikel heute mal durchgelesen, obwohl das Thema ja eigentlich schon durch ist.
Erst einmal fängt er an Angst aufzubauen bzw. zu verstärken – die Angst vor Überfremdung:
Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird.
Er untermauert diese Zukunftsvision mit einer “absolut realistischen” Berechnung:
Bleibt die Fertilitätsrate der deutschen autochthonen Bevölkerung dort, wo sie seit 40 Jahren liegt, dann wird im Verlauf der nächsten drei bis vier Generationen die Zahl der Deutschen auf 20 Millionen sinken. Im Übrigen ist es absolut realistisch, dass die muslimische Bevölkerung durch eine Kombination von hoher Geburtenrate und fortgesetzter Einwanderung bis 2100 auf 35 Millionen wachsen kann.
Diese Rechnung geht über 90 (!) Jahre und berücksichtigt für diesen Zeitraum nur drei Variablen: geringe Geburtenrate der “Deutschen”, hohe Geburtenrate der Muslime und eine fortgesetzte Einwanderung von Muslimen. Und diese spärlichen drei Sachen bleiben bei seiner Rechnung über 90 Jahre konstant. Das kam mir beim ersten Durchlesen schon sehr abstrus vor. Die Geburtenrate der Deutschen könnte ja in diesem Zeitraum auch wieder steigen. Genauso könnte die Geburtenrate der Muslime in Deutschland sinken. Das tut sie auch schon. Auch müssten die Muslime weiterhin hierhin einwandern. Wie viel muslimische Einwanderung ist überhaupt für seine Rechnung nötig? Von den, von ihm immer gerne erwähnten, Türken zum Beispiel wanderten 2008 etwas mehr aus Deutschland aus als ein. Darüber hinaus gibt es ja noch mehr Faktoren, die eine Population wachsen oder sinken lässt.
Wenn man den Artikel genauer durchliest, findet man haufenweise Böcke darin. Ich beschreibe mal nur die Dinge, die mir beim ersten Durchlesen aufgestoßen sind und weshalb ich eigentlich schon ohne genaueres Hinsehen den Artikel beiseite gelegt hätte.
Sarrazin zitiert den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan:
Erdogan beginnt: “Die türkische Gemeinschaft und der türkische Mensch, wohin sie auch immer gehen mögen, bringen nur Liebe, Freundschaft, Ruhe und Geborgenheit mit sich. Hass und Feindschaft können niemals unsere Sache sein.” Das heißt im Umkehrschluss: Hass und Feindschaft sind immer nur die Sache der anderen.
Nun habe ich dieses Zitat ganz anders verstanden. Ich habe das aus Aufforderung an die Türken in Deutschland verstanden friedlich zu bleiben. Das das etwas fremdartig klingt und etwas exotisch formuliert ist, ist klar. Da sprach ein türkischer Politiker recht geschwollen und das ist die Übersetzung. Wenn ich mir dann auf den zweiten Blick die ganze Rede herhole und die Umstände betrachte, komme ich zu keinem anderen Ergebnis. 2008 war der Ministerpräsident in Köln und hat zu den in Deutschland lebenden Türken gesprochen. Kurz zuvor gab es einen Großbrand in Ludwigshafen, bei dem Türken verletzt und getötet wurden. Anschuldigungen standen im Raum es könnte ein rassistisch motivierter Anschlag gewesen sein. Gerüchte machten die Runde die Feuerwehr hätte sich nicht genug beeilt, was natürlich Quatsch war. Und so weiter. Erdogan rief an der oben zitierten Stelle, meiner Meinung nach ganz klar, seine Landsleute auf Ruhe zu bewahren. Mein erster Eindruck wurde bestärkt. Sarrazin dreht ihm hier das Wort im Munde um.
Und: Nein, er hat nicht seine Landsleute aufgerufen sich nicht zu integrieren. Kurz umrissen habe ich die Rede so verstanden: Mir ist klar, dass ihr eure Kultur und Sprache an eure Kinder weitergeben wollt und das sollt ihr auch. Sie sollen aber bitte auch Deutsch lernen, um dann später gute Arbeitsplätze zu bekommen und um am politischem Leben in Deutschland teilnehmen zu können.
Was mir weiterhin auffiel ist, dass Sarrazin andauernd Sachen zusammenwürfelt. Hier zum Beispiel redet er erst einmal von Muslimen, dann nennt er Zahlen von EU-Bürgern. (Hervorhebungen von mir).
Relativ zur Erwerbsbevölkerung leben bei den muslimischen Migranten viermal so viel Menschen von Arbeitslosengeld und Hartz IV wie bei der deutschen Bevölkerung. Ganz anders stellt sich die Lage bei den Migranten aus den EU-Staaten dar. Deren Erwerbsquote ist mit 44,2 Prozent sogar noch etwas höher als die der einheimischen Deutschen. Es ist also nicht der Migrationsstatus als solcher, der die ökonomischen Integrationsprobleme verursacht.
Einmal wird also eine Gruppe über die Religion gebildet und bewertet und einmal über die Nationalität. Wie sieht es denn mit der Erwerbsquote bei Muslimen aus, die aus EU-Staaten migriert sind? Auch Erwerbsquoten und Hartz IV Zahlen sind unterschiedliche Dinge. Es gibt ja Personen, die nicht erwerbstätig sind, aber auch kein Hartz IV oder Arbeitslosengeld beziehen. Der Status, Migrant oder nicht, ist nicht der alleinige Grund für eine schlechte Erwerbsquote oder Hartz IV. Der Status, Moslem oder nicht, aber auch nicht. Es wird dem Leser aber suggeriert.
Das sind nur die Ungereimtheiten, die mir sofort ins Auge gefallen sind. Im Netz sind ja dann diverse Faktenchecks zum Thema, wo dann die verschiedenen Aussagen und Zahlen so richtig auseinandergenommen werden.
Einige sagen jetzt: “Ja, aber ein Gutes hat es ja. Jetzt wird endlich über Integration diskutiert.” Leider geht dies aber mit der Islamisierung der Debatte einher, was Politiker und Medien oftmals gerne mitmachen. Das erschwert die Debatte unnötig und dieses Islam-Bashing bleibt in den Köpfen über die Debatte hinaus erhalten.
“Erst war ich für Euch der Gastarbeiter, dann der Türke, dann der Ausländer, und jetzt der Muslim. Und doch bin ich immer nur ich.”
Zum Thema uneingeschränkt lesenswerte Sachen:
Update 06.01.2011: