Gestern war ich in der Altstadt um Fotos zu schießen. Dort fand ein Reenactment statt. Darsteller in historischen Kostümen liefen durch die schmalen Straßen und nutzen die alten Fachwerkgebäude als Kulisse für Szenen aus dem 18. Jahrhundert – ein Tourismusprojekt organisiert vom Stadtmarketing. Das Wetter war gut, die Besuchermenge entsprechend groß. Und natürlich gab es viele, die mit großen und kleinen Kameras fotografiert und gefilmt haben.
Praktisch jeder hat eine Digitalkamera. Man bekommt eine geschenkt, wenn man ein Zeitungsabo abschließt oder sie ist im Handy eingebaut und es wird fleißig fotografiert. Allerdings ist die Bereitschaft sich fotografieren zu lassen dagegen doch eher gering.
Die Angst geht um. Überall kann man es lesen: Vorsicht! Fotos im Internet! Achtung, Achtung! Passen Sie auf! Gefährlich, gefährlich. Ihr Leben könnte für immer zerstört werden. Das Internet vergisst nichts. Ihr Chef surft den ganzen Tag nach Fotos von ihnen im Internet und schmeißt sie raus, wenn er welche findet. Irgendwer fotografiert sie, lädt die Fotos ins Internet und dann weiß jeder wann und wo sie waren und was sie dort gemacht haben. Ungeheuerlich! Wehren sie sich!
Diese panische Angst davor auf einem Foto abgelichtet zu sein, lässt mich manchmal den Kopf schütteln. So ging ich auf der oben erwähnten Veranstaltung in ein Zelt, in dem Schneidwerkzeuge ausgestellt wurden. Dort saß auch eine Frau im Kostüm. Ich fragte: “Darf ich ein Foto machen?” Ja, durfte ich, aber es klang so eher nach: Ja, wenn’s denn sein muss. Dementsprechend gestellt wirkte dann übrigens auch das Foto. Aber egal, ich schoss das Bild, bedankte mich und trat schon wieder aus dem Zelt heraus, da hörte ich noch: “Aber das sie das nicht im Internet veröffentlichen…”.
Das erstaunte mich und machte mich neugierig. Die Situation noch einmal: Veranstaltung für Touristen, Protagonisten in Kostümen auf den öffentlichen Straßen der Altstadt, Stadtmarketing hat fleißig Werbung dafür gemacht, allein vier Ankündigungen in der Lokalzeitung, dementsprechend überall Leute, die auch fleißig fotografieren bei schönstem Wetter. Ich wollte dann sagen: “Mädel, wenn du nicht ins Internet willst, dann hast du die falschen Klamotten an und bist hier generell auf der völlig falschen Veranstaltung.” Stattdessen fragte ich etwas irritiert, aber natürlich freundlich, warum sie denn nicht möchte, dass die Fotos veröffentlicht werden. Und dann erklärte sie mir folgendes Angst-Szenario: Ich lade ihr Foto bei Facebook hoch. Irgendeiner erkennt sie dort und schreibt ihren Namen zu dem Foto und dann würde Facebook sie ja überall per Gesichtserkennung wieder finden. Ich wollte dann sagen: “Ja, und wenn man ganz viel Pech hat, steht man auch noch gerade dann zu hause am Fenster während das Google-Streetview-Auto vorbei fährt.”
Mittlerweile hatte sich dann noch ein zweiter kostümierter Teilnehmer der Veranstaltung dazu gesellt und hatte ähnliche Bedenken. Nachdem ich dann versprochen hatte kein Foto bei Facebook hochzuladen entspannte sich die Situation zusehends. Ich überreichte dann noch eine Visitenkarte mit meiner Flickr-Web-Adresse und das fand man dann aber doch wieder gut, dass man sich die Fotos der Veranstaltung dort anschauen kann. “Wir haben ja selber so selten eigene Fotos von uns…” Denn eine Kamera ist halt nicht das passende Accessoire für ein Kostüm aus dem Jahr 1761.