Ein Gemeinschaftsprojekt der Bibliotheken in Ostwestfalen-Lippe trug der Tatsache Rechnung, dass Jungen einen Nachholbedarf beim Thema Lesen und besondere Motivation und Förderung nötig haben. So wurde neues Lesefutter angeschafft und Lesungen von “Mann-zu-Mann” organisiert. Es fehlt den Jungen wohl auch an männlichen Lese-Vorbildern. (siehe MT-Online-Artikel).
Dieses und viele andere Projekte in dieser Richtung sind erfreulich. Jungen greifen nicht so oft und gerne zum Buch wie Mädchen. Aber nicht, weil sie dümmer sind, sondern weil Jungen anderes zum Lesen und zu Büchern geführt werden müssen als Mädchen. Diese Erkenntnis sollte sich nicht nur bei den Bibliotheken herumsprechen, sondern auch in den Schulen und Kindergärten. Hier mangelt es auch oft an männlichen Vorbildern, sind doch die meisten Pädagogen weiblich und wählen, oft auch unbewusst, Themen und Bücher aus, die eher ein weibliches Publikum ansprechen. Man beachte dazu passend übrigens das Bild der Bibliotheksmitarbeiter im MT-Online-Artikel (s.o), diese Kuchengrafik über das Personal in Kindertageseinrichtungen und diese Statistik über Lehrkräfte an Schulen und dort besonders den Anteil an weiblichen Lehrkräften in Grundschulen 87,7%.
Nun sind Jungen nicht nur beim Lesen ins Hintertreffen geraten, sondern werden auch auf anderen Gebieten benachteiligt. 1970 waren zum Beispiel 61% der Abiturienten mit Abschluss männlich. Hier wurde natürlich und zurecht durch die Frauen- und Mädchenförderung Abhilfe geschaffen. Leider hat man aber die Jungen dabei aus den Augen verloren. So sank die Zahl 2001 auf 44%. Hier, und eigentlich schon viel früher, hätte man schon gegensteuern müssen. Die Zahlen von 2008 lassen aber keine Erfolge sichtbar werden und es ist auch nichts oder nicht viel unternommen worden. 2008, also sieben Jahre später, lag der Anteil immer noch oder schon wieder bei nur 44%. Man beachte auch die Verteilung bei denen ohne Hauptschulabschluss.
Quelle: Statistisches Bundesamt und Manndat.de
Irgendwie und irgendwann lief die Förderung von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern, in die falsche Richtung. Prominentes Beispiel ist der Girl’s Day. Eine mit sehr viel Geld geförderte Veranstaltung wo Mädchen männertypische Berufe und Studiengänge an Herz gelegt wurden und werden. Seit 2000 gibt es diese Veranstaltung. Nun ist das ja nichts negatives, wenn Mädchen sich auch mal anschauen, ob sie nicht vielleicht KFZ-Mechaniker oder Tiefbau-Ingenieur werden möchten. Doch was bring das? Wenn man aber Jungen für soziale Berufe oder ein Pädagogik-Studium begeistern könnte, wäre dies doch im Hinblick auf die am Anfang aufgezeigten Missstände zumindest genauso sinnvoll. Siehe auch diese Grafik zum Thema “männliche Studienanfänger in ausgewählten Studienfächern”.
Dieser Kritik am Girl’s Day nahm man sich wohl eher zögerlich an und so gibt es jetzt auch “Neue Wege für Jungs”. Was mir auffiel: Während es den Girl’s Day seit 2000 gibt, ist die älteste Pressemitteilung bei “Neue Wege für Jungs” vom März 2008. Aber immerhin. Wenn man die Webauftritte der beiden Projekte mal vergleicht, sieht es bei den “Jungs” aber schlechter aus. Auf der Girl’s Day Seite komme ich mit einem Klick gleich auf eine Deutschlandkarte, wo alle Veranstaltungen zum Girl’s Day am 22. April 2010 eingetragen sind. Auf den “Jungs”-Seiten habe so etwas nicht gefunden. Hier finde ich nur allgemeine Informationen wie sich Jungen bei Unternehmen oder Behörden um einen Praktikumsplatz bewerben können. Eine aufwendigen, bundesweiten “Boy’s Day” gibt es nicht. Auch hier fließen die Fördergelder wohl in die falsche Richtung.
Diese Entwicklung zur Benachteiligung vom männlichen Geschlecht zieht sich übrigens durch viele Bereiche und ist nicht nur bei der Leseförderung, Schulabschlüssen oder Förderungen zur Berufsorientierung zu finden.
| 2008 | |||||
| gesamt | weibliche | weibliche % | männliche | männliche % | |
| allgem. Hochschulreife | 266.550 | 149.362,00 | 56,0 | 117.188 | 44,0 |
| Fachhochschulreife | 14.179 | 7.641,00 | 53,9 | 6.538 | 46,1 |
| Realschulabschluss | 373.504 | 186.834,00 | 50,0 | 186.670 | 50,0 |
| Hauptschulabschluss | 210.311 | 89.713,00 | 42,7 | 120.598 | 57,3 |
| ohne Haupschulabschluss | 64.918 | 25.046,00 | 38,6 | 39.872 | 61,4 |
Einträge (RSS)