
Bild anklicken für mehr Fotos
Der Atomausstieg ist beschlossen – mal wieder. 1977 fiel die Standortentscheidung für ein mögliches Atomüllendlager auf Gorleben. Seit dem wurde viel protestiert. Jetzt soll angeblich die Standortsuche neu beginnen. Ist es nicht verständlich, dass es Leute gibt, die das, nach all den Jahren und dem Hin und Her, nicht so ganz glauben können?
Der Castor-Zug rollte wieder durch Frankreich und Deutschland. Anlass dagegen zu demonstrieren. Hier möchte ich jetzt einmal beschreiben, wie ich die Großdemo in Dannenberg, an der ich teilgenommen habe, erlebt habe.
Man sieht und hört viel über Chaoten, Steinewerfer usw. In fast jedem Artikel steht dies in der Überschrift oder in der Einleitung. Es entsteht in den Köpfen das Bild von den gewaltbereiten Demonstranten, von Wasserwerfern, Kesseln, Verletzten. Wie kann man an so etwas teilnehmen? Wenn ich in meinem Bekanntenkreis berichte, dass ich auch in Dannenberg – ach nein, das können viele nicht einordnen. Wenn ich berichte, dass ich in Gorleben war, dann wird schon komisch geschaut. “Ist das da nicht gefährlich?” Dazu muss man wissen, dass es bei solchen Anti-Atom-Demonstrationen immer korrekt bei den Behörden angemeldete und von Polizei und Veranstaltern durchgeplante, so genannte Familien- bzw. Kind-und-Kegel-Demonstrationen gibt. Das sind dann die mehrheitlichen, friedlichen und ganz “normalen” Bürger, von denen man dann ein paar Absätze weiter unten in den Zeitungsartikeln lesen kann.
Seit der Rücknahme des ersten Atomausstiegs und dann nach Fukushima war ich auf meinen ersten Anti-Atom-Demos überhaupt. Mahnwachen in Minden, auf einer Großdemo in Hamburg, zwei Mal am AKW Grohnde. Immer traf ich nur nette Leute, die friedlich, bunt und gut gelaunt von ihrem Demonstrationsrecht bei angemeldeten Demos Gebrauch machten. Und auch die Staatsgewalt, sprich die Polizei, habe ich immer freundlich und bürgernah dort erlebt. Und trotzdem – Gorleben – da habe ich im Vorfeld viel gehört und gesehen in den Medien. Obwohl ich genau wusste, dass ich da ja zu einer ganz normalen Demo unterwegs war, hatte ich doch ganz weit hinten im Hinterkopf ein ungutes Gefühl.
Bei der Gruppe vom BUND Minden-Lübbecke, die die Busfahrt nach Dannenberg organisiert hatte, fühlte ich mich aber gut aufgehoben. Jede Busreisegruppe bekam von den Organisatoren der Großdemo ein Bus-Paket mit Broschüren und Informationen. Es war alles perfekt organisiert und hatte so gar nichts mit Chaos zu tun. Es gab einen Ortsplan, wo eingezeichnet war, wo man ein Info-Zelt findet, die Busparkplätze, die Kundgebungsstätte, die Demo-Startpunkte, eine Übersicht über den zeitlichen Ablauf. Wobei Dannenberg jetzt kein großer Ort ist. Eigentlich ist er recht überschaubar.
Es gab ein Info-Zelt, ein Wickelzelt, eine Pressestelle, eine Batterie Dixi-Toiletten und rund um den riesigen Acker, wo Reden gehalten und live Musik gespielt wurde, gab es zahlreiche Stände mit Verpflegung.
Dies hatte überhaupt gar nichts mit den Bildern zu tun, die man jetzt in den Medien sieht. Sicherlich, Sitzblockaden, Schottern und Chaoten hat es gegeben, dazu mehr im zweiten Teil, aber nicht hier. Und hier waren laut Polizei 8.000 Menschen, laut den Veranstaltern 23.000. Die genaue Zahl liegt wohl irgendwo dazwischen.
Als wir in Dannenberg eintrafen, half uns ein Ordner den richtigen Parkplatz für unseren Bus auf einem Autohof zu finden. Von dort aus gingen wir zur “Esso-Wiese” – ein Platz im Ort direkt gegenüber einer Esso-Tankstelle. Hier gab es das Infozelt und den Presse-Bauwagen und in den weiteren Zelten wurde gekocht. Gesundes, alternatives Essen natürlich. Ich konnte Gespräche mithören wo gefragt wurde: “Sind die Zutaten containert?” Nein, waren sie nicht. Sie stammten von Bauern aus der Region. Und obwohl bodenständige Gerichte mit saisonalen Zutaten verspeist wurden konnte ich von Medienvertreter überrascht hören: “Das schmeckt aber gut.”
Clowns waren auch dort. Sie hatten ein Transparent mit dem Schriftzug “Grenzwerte”, liefen durch das Publikum, hielten den Schriftzug hoch und riefen in ihrer kindlichen Clownssprache: “Grenzwert hoch!” und dann abwiegelnd. “Ist nicht schlimm, ist nicht schlimm”, wohl um darauf aufmerksam zu machen, dass man ja einfach mal die Grenzwerte erhöhen kann, wie geschehen u.a. in Fukushima.
Ich blieb auf dieser Esso-Wiese, bis der eigentliche Demozug dort vorbei kam und dann ging es Richtung Kundgebungsstätte. Ein riesiger Acker am Ortsrand von Dannenberg mit einer Bühne, über 400 Trecker aus der Region, die ich am Anfang gar nicht gesehen habe, weil das Gelände so groß war und ringsherum viele Stände mit Verpflegung und anderen Sachen. Eine Band spielte Reggae-Musik mit kritischen und lustigen Texten, ein Moderator machte Stimmung.
Da ich Fotos machen wollte, ging ich immer umher. Mal war ich vorne an der Bühne, mal hinten, mal an den Seiten und so fort. Da waren keine Chaoten. Auch die Polizei war dezent vertreten. Ich habe nur zwei Beamte auf dem Acker gesehen, die auf der Brust die Aufschrift “Polizeisprecher” trugen. Auf den Straßen ringsherum standen Mannschaftswagen mit Beamten, aber die regelten hauptsächlich den Verkehr oder hatten gar nichts zu tun. Auch gab es keinen Alkoholkonsum. Ich habe unter diesen tausenden von Leuten einen einzigen Betrunkenen gesehen und ich bin wie gesagt ständig umher gegangen.
Auf der Bühne bekamen verschiedene, zugereiste Gäste das Wort. U.a. ein Mann aus Tansania, der von den Bedingungen berichtete unten denen dort Uran abgebaut wird. Ein Gast aus Fukushima, die von ihren Erlebnissen berichtete und es wurde eine Aufzeichnung von einem Mädchen abgespielt, die den Castor aufhalten wollte, sich auf den Schienen angekettet hatte und dann vor Gericht stand. Sie bekam eine Geldbuße, die sie aber nicht bezahlen wollte und deshalb ist sie nun im Gefängnis. Konservative würden wohl sagen, dass ihre Worte etwas uneinsichtig klangen.
Ich besorgte mir noch Rosmarin-Kartoffeln mit Quark – Erlös ging an die Bürgerinitiative vor Ort – stellte mich bei den Dixiklos an und machte mich dann auf den Weg zum Bus. Auf dem Weg dorthin gab es ein Gasthaus, welches draußen Glühwein für einen Euro anbot. Und ich setzte mich kurz und kam sofort ins Gespräch mit anderen Gästen. Wo hat man das heutzutage noch. Auf der Rückfahrt hörten wir im Bus “Radio Republik Freies Wendland”, welches über den örtlichen Lokalsender ausgestrahlt wurde. Mit den neusten Informationen über den Castor und live Telefon-Interviews von den Sitzblockarden. Aber zu der Zeit war der Castor-Zug noch weit entfernt…